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Newsletterarchiv 2020

Newsletter Nr. 36 Sonderausgabe 2 - Corona 2020:
„Digitale Medien – jetzt wichtiger denn je? Wie Jugendliche zu Zeiten von COVID-19 kommunizieren““

April 2020

Newsletter Nr. 36 Sonderausgabe 1 - Corona 2020:
„Familien mit Kindern und Teens zuhause“

April 2020

 

 

 


 

Newsletter Nr. 36 – 20. April 2020

Sonderausgabe 2 - Corona 2020:

„Digitale Medien – jetzt wichtiger denn je? Wie Jugendliche zu Zeiten von COVID-19 kommunizieren“

Druckversion (PDF)

Editorial
Dr. Petra Arndt
ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Universität Ulm

Liebe Leserinnen und Leser des ZNL-Newsletter,

in der vergangenen Woche wurden Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote aufgrund der Corona-Pandemie verlängert. Gerade für Jugendliche ist das nicht einfach. Für sie ist der Kontakt mit anderen, insbesondere mit Gleichaltrigen, besonders wichtig. Sogar die Schule vermissen die Jugendlichen – eher natürlich wegen der Pausen mit den Freunden und nicht wegen der Schulstunden, Tests und Hausaufgaben. Aber wer hätte gedacht, dass endlos freie Zeit noch langweiliger sein kann als Schulunterricht? Das Verlangen nach Kontakt mit Gleichaltrigen und nach Erlebnissen außerhalb des geschützten Rahmens der Familie ist nicht nur ein subjektiver Wunsch Jugendlicher nach Spaß oder gemeinsamem „chillen“. Angetrieben werden Erlebnishunger und der Wunsch nach selbstbestimmter Lebensgestaltung dabei durch die hormonellen Veränderungen während der Pubertät (mehr hierzu unter
“Unausgereifte exekutive Funktionen und erhöhte Risikofreude in der Pubertät führen zu riskanten Verhaltensweisen”). Kontakte zu anderen, gemeinsame Erlebnisse und die Bewältigung von Herausforderungen sind eine wichtige Grundlage, um zu einer eigenständigen, verantwortungsvollen Persönlichkeit heranzuwachsen und die eigene Identität auszubilden. Die aktuellen Ausgangsbeschränkungen schieben hier einen Riegel vor. Darum und auch aus schlichter Langeweile greifen Jugendliche (und auch Erwachsene) derzeit vermehrt zu Smartphone und Co., bewegen sich in sozialen Netzwerken, nutzen Online Spiele und surfen – oft ziellos – durchs Internet. Die Nutzung digitaler Medien wird in der aktuellen Krise als Entlastung empfunden – aber auch die Gefahren, die damit einhergehen, bekommen so eine größere Bedeutung und müssen beachtet werden. Daher geht es in unserem heutigen Newsletter um die Bedeutung der digitalen Medien für Jugendliche gerade in der aktuellen Situation, um Möglichkeiten den Umgang damit sinnvoll zu gestalten und als Eltern Risiken im Blick zu behalten.

Bitte leiten Sie den Newsletter und den Link zu unserer Webseite zum Thema Corona an alle Personen weiter, für die die Inhalte möglicherweise hilfreich und nützlich sind.

Mit freundlichen Grüßen
Petra Arndt

 

 

Digitale Medien – jetzt wichtiger denn je? Wie Jugendliche zu Zeiten von COVID-19 kommunizieren
Sabrina Braunert & Dr. Petra Arndt
, ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Universität Ulm

Digitale Medien spielen im Leben von Heranwachsenden eine große Rolle: 93% der 12- bis 19-Jährigen besitzen ein eigenes Smartphone.1 Dabei gilt, je älter die Teenager sind, umso häufiger haben sie ein Smartphone. Zusätzlich stehen in fast allen Familien ein Computer oder Laptop und ein WLAN-Anschluss zur Verfügung. Deutlich über drei Stunden pro Tag sind die Jugendlichen online.1 Sie erstellen Posts auf Instagram, Facebook, und Co., kommunizieren mit ihren Freunden per WhatsApp oder Snapchat, streamen Musik, schauen sich YouTube-Videos an oder „chillen“ bei einem Film auf Netflix. Somit entfällt etwa ein Drittel der Internetnutzung für Kommunikation und Unterhaltung. 1

Gleichzeitig geben die 12- bis 19-Jährigen das Treffen mit Gleichaltrigen gefolgt von Sport als häufigste Freizeitaktivität an.1 Beides ist jedoch aufgrund der momentanen Ausgangsbeschränkungen, bedingt durch das Corona-Virus, erheblich eingeschränkt. Dabei ist Sport nachweislich nicht nur wichtig für die körperliche Gesundheit. Sport bietet zudem auch einen emotionalen Ausgleich und eröffnet die Möglichkeit aus dem Alltag herauszutreten, abzuschalten und den Blickwinkel auf sich selbst zu richten.2 Zusätzlich dienen Sport und Bewegung dazu sich auszutoben und können dabei helfen Aggressionen abzubauen. Anregungen zum Ausgleich durch Sport finden Sie in unserem Newsletter Nr. 36: „Familien mit Kindern und Teens zu Hause“  und auf unserer Webseite  – denn Sport an der frischen Luft ist ja noch erlaubt. Selbst auf die Konzentrationsfähigkeit und das Lernen wirkt sich Bewegung positiv aus.3,4 Besonders für Jugendliche hat die sportliche Aktivität mit Freunden (z.B. in einem Sportverein) einen hohen Stellenwert. Neben dem Sport stehen hierbei vor allem der gemeinsame Austausch und das erlebte Zugehörigkeitsgefühl im Vordergrund. Durch das „Social Distancing“ fällt aber die gemeinsame Zeit mit Freunden in der Freizeit weg. Das ist für Jugendliche eine enorme Einschränkung. Neben Kontakten in Schule und Sportverein treffen sich über 70% der Jugendlichen täglich oder mehrmals pro Woche mit Gleichaltrigen.1 Das ist momentan leider nicht mehr möglich.

Stattdessen sind die digitalen Medien aktuell das zentrale und oft einzige Kommunikationsmittel. Sie ermöglichen es, sich auszutauschen und gemeinsame Interessen zu teilen, auch wenn man sich nicht sehen darf.5 In der Kommunikation mit Gleichaltrigen stellt das Bedürfnis „dazugehören zu wollen“ einen wichtigen Aspekt dar, der durch den Griff zu Smartphone & Co. befriedigt werden kann. Durch den Austausch in sozialen Netzwerken entsteht ein Gemeinschaftsgefühl. Das kann dem momentanen Stress der „Isolation“ entgegenwirken. Man nimmt sich selbst als Teil der „Community“ wahr und teilt seine alltäglichen Erfahrungen digital mit anderen.5 So kann beispielsweise der Austausch von kleinen Witzzeichnungen und kreativen Sprüchen zur aktuellen Situation etwas helfen, mit Stress und Ängsten fertig zu werden – auch wenn dadurch das direkte Gespräch nicht ersetzt werden kann. Umgekehrt bilden die in sozialen Netzwerken dargestellten Inhalte auch die Interessen der (digitalen) Freunde ab, sodass durch die Mediennutzung eine ständige Teilhabe am Leben der anderen möglich ist.5 Digitale Medien erlauben somit trotz der Ausgangsbeschränkungen die Aufrechterhaltung der für Jugendliche so wichtigen Sozialbeziehungen und schaffen durch WhatsApp, Snapchat und Co. einen gewissen Ersatz für den direkten Kontakt.

Gleichzeitig bringt der Kontakt über digitale Medien verschiedene Probleme mit sich, die nicht neu sind, aber in der aktuellen Situation zu einer zusätzlichen Belastung werden können:

  • Bei der Kommunikation mit digitalen Medien kommt es leicht zu Missverständnissen. Ein großer Teil der sozialen Signale, die in Gesprächen unbewusst ständig „nebenher laufen“, entfällt. Das Lächeln, das einer ironischen Bemerkung die Spitze nimmt, fehlt ebenso, wie die Satzmelodie, die bei einer Frage anzeigt, dass es sich wirklich um eine offene Frage handelt und nicht um einen Vorwurf oder eine Aufforderung. Schnell entbrennt so ein Streit, selbst unter besten Freunden und mehr noch in Gruppen. Doch das kann sicherlich nicht bedeuten, dass man diese Form des Kontakts in der derzeitigen Lage verbieten sollte. Wichtig ist es, dass Eltern die Risiken kennen und frühzeitig mit den Jugendlichen darüber sprechen, dass so etwas passieren kann. Das erleichtert es auch, die Teenager zu begleiten, wenn es doch mal schief geht. Entbrennt ein Streit, hilft je nach Stimmungslage trösten oder beruhigen und dann der Versuch, gemeinsam die „Gegenseite“ zu verstehen. Ein schönes, langes Telefonat kann helfen wieder zueinander zu finden. Übrigens hat auch WhatsApp eine Telefonfunktion. Man muss nicht unbedingt den Familien-Festnetzanschluss stundenlang blockieren.
     
  • Auch hinsichtlich der Entwicklung der eigenen Identität bergen digitale Medien zusätzliche Risiken. Ohnehin besteht bei Kritik durch Freunde und Gleichaltrige (oder der Angst davor) die Gefahr, dass die Identitätsfindung durch diesen Druck beeinträchtigt wird. Die Tatsache, dass über digitale Medien wesentlich mehr Gleichaltrige erreicht werden, Inhalte möglicherweise weitergegeben werden und sehr lange im Netz sichtbar bleiben, kann den Druck enorm erhöhen. Die weite Verbreitung von Bildern verstärkt zudem die Fixierung auf perfektes Aussehen, Frisur, Kleidung und andere Äußerlichkeiten. Viele wichtige Persönlichkeitsmerkmale lassen sich dagegen im Netz nur schwer darstellen. Vielmehr präsentiert ein Teil der Jugendlichen, besonders aber die sog. Influencer sich, ihren Körper, ihren Besitz und ihren Alltag perfekter, als er eigentlich ist. Andere Jugendliche nehmen sich selbst dadurch möglicherweise als minderwertig war. Oder sie beginnen, diesen Vorbildern mit allen Mitteln nachzueifern und mit Hilfe von Bearbeitungstools und verfälschter Selbstdarstellung eine Netz-Identität aufzubauen, die jemanden zeigt, der sie nicht sind und auch niemals sein werden. Den Jugendlichen sind diese Probleme durchaus bewusst. So wünschen sich viele Heranwachsende eine Kennzeichnungspflicht für Filter-Apps und damit für nachbearbeitete Fotos, so dass man erkennen kann, dass im Netz dargestellte, oft unerreichbare Schönheitsideale schlicht unrealistisch sind.6 Ein gutes Bewusstsein und eine kritische Haltung gegenüber diesen Inhalten zu entwickeln kann von Eltern durch Gespräche und echtes Interesse unterstützt werden.
     
  • Schwieriger wird es, wenn die Jugendlichen mit Mobbing konfrontiert werden. Knapp 20% haben per Handy oder Internet schon einmal falsche oder beleidigende Inhalte über sich selbst erhalten (teilweise auch aus Versehen).1 Von systematischem Mobbing betroffen gewesen zu sein berichten ca. 8% der Jugendlichen, dies bei anderen bereits miterlebt zu haben 34%. Beschimpfungen, Belästigung, peinliche Bilder, falsche Beschuldigungen und Lügen, Demütigungen, Drohungen – Mobbing per Smartphone und Internet verfolgt die Jugendlichen bis in ihr Zuhause und stellt eine sehr große Belastung dar. Es gehört viel Selbstvertrauen dazu, sich hier effektiv zu wehren und es ist wichtig über die eigenen Rechte und gesetzliche Regelungen Bescheid zu wissen. Aber auch Jugendliche, die das Mobbing beobachten und nicht selbst das Opfer sind, sind oft durch die Situation belastet und möchten helfen, wissen aber nicht wie oder trauen sich nicht. Erste Maßnahmen können das Sperren der Absender solcher Mobbingnachrichten und die Kontaktaufnahme zu den Moderatoren in Chats und Foren sein. Zudem wird den Opfern häufig geraten das direkte, persönliche Gespräch mit den Angreifern zu suchen und wenn nötig Unterstützung, z.B. auch Vertrauenslehrer, hinzuzuziehen. Allerdings ist das derzeit so nicht machbar. Umso wichtiger ist es, dass Eltern als Ansprechpersonen zur Verfügung stehen und sich selbst gut informieren - am besten bevor etwas passiert (Infotipps finden Sie am Ende des Newsletters). Ähnliches gilt für sexuelle Belästigung. Oft sind hier Erwachsene, die sich als Jugendliche ausgeben, die Täter. Die Kontaktaufnahme dient hier häufig der Anbahnung von sexuellem Missbrauch. Zur Vorbeugung ist eine möglichst frühzeitige Aufklärung der Kinder und Jugendlichen notwendig, spätestens jedoch, wenn sie eigenständig in Internet und sozialen Medien „unterwegs sind“. Und auch hier gilt es für Eltern gerade jetzt aufmerksam und unterstützend zu sein. Eine gute Vertrauensbasis zwischen Jugendlichen und Eltern ist dabei von entscheidender Bedeutung.
     
  • Aber auch ohne Konflikte und Mobbing kann der ständige Handygebrauch Stress auslösen. Jugendliche können das Gefühl entwickeln „etwas zu verpassen“, wenn sie nicht ständig die neusten Entwicklungen und Diskussionen per Smartphone etc. verfolgen können.7 Angesichts dessen, dass gerade in der aktuellen Situation die gesamten Freunde jederzeit online sein können, kann sich diese Sorge noch verstärken und dazu führen, dass die Teenager permanent online sein wollen.
     

Neben diesen Risiken sind vielfältige ungeeignete und gefährdende Internet-Inhalte ein Thema, das Eltern im Blick behalten müssen. Hierzu gehören:

  • Pornografie
  • Ekel-Videos
  • Extremistische Inhalte
  • Propaganda und Fake-News
  • Hassbotschaften in Foren
  • Werbung für (illegale) Genuss- und Rauschmittel
  • Verherrlichung von Themen wie Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten, Selbstmord. In Internetforen werden unter „Gleichgesinnten“ bestimmte Ängste und Gedanken geteilt, aber auch konkrete Anleitungen zu Verhaltensweisen und Tipps für den Alltag und den „optimalen Erfolg“ gegeben. Dies ist hoch problematisch, da die Verhaltensweisen in Foren nicht therapeutisch aufgearbeitet werden, sondern die Inhalte die Betroffenen noch weiter in den bestehenden Teufelskreis ziehen.
     

Sind Jugendliche in dieser Hinsicht gefährdet und bewegen sie sich viel auf solchen Seiten, kann ein Verbot bzw. die Verhinderung des freien Zugangs zum Internet notwendig werden, um Gesundheit und Leben der Jugendlichen zu schützen.

Somit ist der Zugang zu Medien Fluch und Segen zugleich: Einerseits wird das Bedürfnis nach gegenseitigem Austausch befriedigt, im Gegenzug impliziert dies ständig das Handy in der Hand zu haben, um auf dem neusten Stand zu sein. Nicht nur die Aktivitäten der Freunde, sondern auch andere Inhalte können dazu führen, dass Jugendliche mehr Zeit mit digitalen Medien verbringen, als sie es eigentlich selbst möchten oder für sinnvoll halten. Über zwei Drittel der Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren geben an, dass sie damit manchmal „ganz schön viel Zeit verschwenden“.8 Von den 12- bis 14-Jährigen geben ca. 18% an, das Internet oft oder sehr oft länger zu nutzen, als sie beabsichtigt haben und ca. 10% geben an, dass sie alltägliche Pflichten vernachlässigen, um online zu sein.9 Selbst abends, wenn Jugendliche (16 bis 21 Jahre) zu Bett gehen, ist das Smartphone häufig dabei: Etwa 20% nutzen das Handy noch nach dem Lichtausschalten.10 Es fällt Jugendlichen oft schwer, ein ausreichendes Maß an Selbstregulation und Selbstkontrolle zu zeigen (vgl. Newsletter Nr. 36, Sonderausgabe 1 - Corona 2020: „Familien mit Kindern und Teens zuhause“). Diese Problematik ist bei den Jugendlichen unterschiedlich stark ausgeprägt, aber letztlich entwicklungsbedingt und nicht auf mangelnde Motivation oder Einsicht zurückzuführen (siehe auch “Unausgereifte exekutive Funktionen und erhöhte Risikofreude in der Pubertät führen zu riskanten Verhaltensweisen”).

Das ist auch im Kontext des Homeschoolings von großer Bedeutung: Hausaufgaben und Arbeitsaufträge können aktuell nicht mehr persönlich übergeben werden, sondern erreichen die Jugendlichen per WhatsApp, Mail oder müssen auf dem Schulserver abgerufen werden. Häufig müssen auch die Aufgaben selbst am Computer erledigt werden. Dadurch besteht gleichzeitig aber auch ein permanenter Zugriff auf ablenkende Spiele und soziale Medien. Das bedeutet, dass die Jugendlichen in einer Zeit, in der sie eigentlich konzentriert arbeiten und lernen sollen, zusätzlich gefordert sind, der Versuchung zu widerstehen online zu spielen, mit Freunden zu chatten oder mal kurz in Facebook zu schauen, was es Neues gibt. Durch diese ständige Versuchung, selbst wenn es den Jugendlichen mit viel Willensanstrengung gelingt sich nicht ablenken zu lassen, können sie sich oft weniger gut auf ihre eigentlichen Aufgaben fokussieren.11,12 Es ist bekannt, dass schon das alleinige Klingeln bzw. das Aufleuchten des Smartphones von der gerade ausgeführten Tätigkeit ablenken und bereits die bloße Anwesenheit des Smartphones in der Nähe des Arbeitsplatzes die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann.13,14 Digitale Medien stellen im Zusammenhang mit Lernprozessen somit eine Quelle der Ablenkung dar, welche dazu führen kann, dass wesentliche Lerninhalte schlechter aufgenommen werden.

Es ist wichtig, dass sich Eltern, aber auch die Jugendlichen der Tatsache bewusst sind, dass Selbstregulation und Selbstkontrolle aufgrund der Entwicklung in der Pubertät schwierig sind und man Tricks und Strategien für den Umgang damit braucht. Ein guter Weg ist es, wenn die Jugendlichen ihre eigenen Ziele bezüglich Inhalt und Umfang einer vernünftigen Mediennutzung formulieren und sich Strategien zur Vermeidung von Ablenkung ausdenken. Diese sollten am besten schriftlich notiert werden. Eltern und Teenager oder auch die ganze Familie könnten zusammen überlegen, wie diese Ziele unterstützt werden können. Neben Zeitbegrenzungen sind eine feste Planung für den gesamten Tag, attraktive oder wenigstens angenehme alternative Tätigkeiten (je nach Vorlieben des Jugendlichen) und gemeinsame Unternehmungen mit der Familie, die an dritter Stelle der liebsten nicht-digitalen Freizeitaktivitäten von Jugendlichen stehen, geeignete Alternativen.1

Wenn Jugendliche nicht mit den zuvor beschriebenen Strategien ansprechbar sind und digitale Medien exzessiv nutzen, sich vollständig weigern am nicht-digitalen Alltag teilzunehmen, nicht nur ihre Alltagspflichten, sondern auch Schlaf, Nahrungsaufnahme, Körperpflege etc. vernachlässigen und auf jede Form des Medienentzugs sowie auf Einschränkungen aggressiv reagieren, dann ist es für die Eltern unausweichlich, sich professionelle Hilfe zu holen.15 Besonders häufig steht dieses Verhalten mit der übermäßigen, suchtartigen Nutzung von digitalen Spielen, auch (aber nicht nur) von Online-Spielen, in Zusammenhang. Die Spiele sind von den Unternehmen, die damit Geld verdienen wollen, so konzipiert, dass sie die Jugendlichen zur Fortsetzung des Spielens anregen, ihnen Erfolgserlebnisse verschaffen, sie inhaltlich fesseln usw. Auch wenn übermäßiges Spielen durch die Ausgangsbeschränkungen und fehlende Alternativen noch stärker auftreten kann, handelt es sich um ein grundsätzliches Problem, das eine langfristige Lösung braucht. Hier sind erfahrene Therapeuten nötig und auch Selbsthilfegruppen können eine wichtige Unterstützung bieten.

Aber auch wenn kein exzessives, gefährdendes Nutzungsverhalten vorliegt, reagieren Eltern und andere Familienmitglieder oftmals mit Bemerkungen wie „Leg doch das Handy mal aus der Hand!“ oder „Jetzt sitzt du schon wieder vor diesem Ding!“ da gemeinsame Aktivitäten und der individuelle Austausch in der Familie unter der Mediennutzung leidet. Das Bedürfnis der Jugendlichen ist verständlich, wenn man die eingangs beschriebenen Aspekte noch einmal Revue passieren lässt.

Doch wie geht man, besonders in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen, damit um? Braucht es zusätzlich einschränkende Regeln für die momentane Situation? Diese würden bei den Jugendlichen voraussichtlich auf Gegenwehr stoßen. Digitale Medien ermöglichen den Jugendlichen sich gegenseitig auszutauschen, einander Rückhalt zu geben, Langeweile zu begrenzen, nicht zu vereinsamen und trotz Kontaktverbot „dazuzugehören“. Zudem sichern sie die „Versorgung“ der Jugendlichen mit schulischem Lernstoff. Ein rigoroses Verbot wäre ein zusätzlicher Stressfaktor in einer sowieso nicht einfachen Situation und hätte möglicherweise eine noch stärkere soziale Isolation zur Folge.

Wichtig ist stattdessen, die aktuelle Lage als Chance zu nutzen: Eltern können ein Auge auf den Medienkonsum ihrer Kinder haben, sich auch mit den Inhalten auseinandersetzen, bei Fragen und Problemen als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, aber auch Verständnis zeigen. Gleichzeitig ist es wichtig, Bedenken und Gefahren gemeinsam zu thematisieren und ihnen vorzubeugen, Regeln für das “Was” und “Wieviel” zu finden und Strategien zum Durchhalten zu entwickeln.

 

Tipps zum Umgang mit Angst und Sorgen wegen COVID-19 bei Kindern und Jugendlichen:

Newsletter Nr. 3  „Familienzeit gesund gestalten – Elterninfos in der Corona-Krise“ vom Präventionsprogramm ECHT DABEI und GAIMH! (Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit).

Tipps zur Mediennutzung Jugendlicher:

Hilfsangebote:




Quellen:

1 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2020). JIM-Studie 2019. Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger, Stuttgart, https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2019/JIM_2019.pdf (Stand: 17.04.2020)

2 Furley, P., & Laborde, S. (2019). Emotionen im Sport. In: J. Schüler, M. Wegner, & H. Plessner (Hrsg.), Sportpsychologie, 2-31. Springer Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019.

3 Kubesch, S., Walk, L., Spitzer, M., Kammer, T., Lainburg, A., Heim, R., & Hille, K. (2009). A 30-Minute Physical Education Program Improves Students' Executive Attention. Mind, Brain, and Education, 3(4), 235-242.

4 Walk, L. (2011). Bewegung formt das Hirn: lernrelevante Erkenntnisse der Gehirnforschung. DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung, 1, 27-29. https://doi.org/10.3278/DIE1101W027 (Stand: 17.04.2020)

5 Friedrichs, H., & Sander, U. (2010). Peers und Medien – die Bedeutung von Medien für den Kommunikations- und Sozialisationsprozess im Kontext von Peerbeziehungen. In: M. Harring, O. Böhm-Kasper, C. Rohlfs, & C. Palentien (Hrsg.), Freundschaften, Cliquen und Jugendkulturen, Peers als Bildungs- und Sozialisationsinstanzen, 283-307. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

6 Jugendmedienschutz: Was Kinder und Jugendliche dazu sagen und welche Wünsche sie haben. https://www.gutes-aufwachsen-mit-medien.de/informieren/article.cfm/key.3513/aus.2/ (Stand: 17.04.2020)

7 Spitzer, M. (2015). Smartphones, Angst und Stress. Nervenheilkunde, 34, 591-600

8 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2016). JIM-Studie 2016. Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisuntersuchung zum Medienum¬gang 12- bis 19-Jähriger, Stuttgart, https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2016/JIM_Studie_2016.pdf (Stand: 17.04.2020)

9 Büsching, U., Riedel, R. u.a. (2018). BLIKK – Medien – Bewältigung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz und Kommunikation – Kinder und Jugendliche im Umgang mit elektronischen Medien – Kurzbericht, https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Praevention/Berichte/Kurzbericht_BLIKK_Medien.pdf (Stand: 17.04.2020)

10 Kater, M. J., Werner, A., Lohaus, A., & Schlar, A.A. (2020). Schlaf und Handykonsum im Jugendalter–Das Handy als Bettnachbar, https://www.kleanthes.de/wp-content/uploads/2020/03/kater_aksm2020.pdf (Stand: 17.04.2020)

11 Ophir, E., Nass, C., & Wagner, A. (2009). Cognitive control in media multitaskers. PNAS, 106 (37), 15583-15587

12 Ward, A., Duke, K., Gneezy, A., & Bos, M. (2017). Brain Drain: The mere presence of one’s own smartphone reduces available cognitive capacity. Journal of the Association for Consumer Research (JACR), 2(2), 140-154

13 End, C., Worthman, S., Mathews, M., & Wetterau, K. (2010). Costly cell phones: The impact of cell phone rings on academic performance. Teaching of Psychology, 37, 55-57

14 Spitzer, M. (2017). Die Smartphone-Denkstörung. Nervenheilkunde, 36, 587-590

15 Egmond-Fröhlich, A . van, Mößle, T., Ahrens-Eipper, S., Schmid-Ott, G., Hüllinghorst, R., & Warschburger, P. (2007). Übermässiger Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen: Risiken für Psyche und Körper. Deutsches Ärzteblatt 2007, 104(38): A 2560-4, https://www.aerzteblatt.de/archiv/56968/Uebermaessiger-Medienkonsum-von-Kindern-und-Jugendlichen-Risiken-fuer-Psyche-und-Koerper (Stand: 17.04.2020)

 

 

 


 

Newsletter Nr. 36 – 9. April 2020

Sonderausgabe 1 - Corona 2020:
„Familien mit Kindern und Teens zuhause“

Druckversion (PDF)

Editorial
Dr. Petra Arndt & Dipl.-Päd. Carmen Deffner
ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Universität Ulm

Liebe Leserinnen und Leser des ZNL-Newsletter,

ein paar Tage zuhause zu sein ist an sich nicht schlimm. Man kann es sich gemütlich machen, ein gutes Buch lesen, die Zeit mit der Familie genießen ... Was aber, wenn aus Sicherheitsgründen aus ein paar Tagen ein längerer Zeitraum wird? Aktuell empfinden es viele von uns als belastend sich nicht mit Freunden treffen oder raus zu dürfen, auch nicht zur Arbeit, in die Kita, die Schule.

Verzicht und Zurückstellen von Bedürfnissen ist aktuell die große Herausforderung. Je nach Alter, Lebenssituation, Gewohnheiten usw. gelingt das mehr oder weniger gut und über einen mehr oder weniger langen Zeitraum. Warum aber ist die Situation für viele so schwierig?

Eine Sichtweise, die dazu beitragen könnte die Herausforderungen der aktuellen Einschränkungen besser zu verstehen und mit ihnen umzugehen, ist die Perspektive der Neurowissenschaften. Daher haben wir uns vom TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen dafür entschieden, Ergebnisse aus unseren laufenden und ehemaligen Forschungs- und Entwicklungsprojekte nutzbar zu machen. Sie sollen Anregungen für Eltern, Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und alle anderen Interessierten bieten.

Dieser Newsletter ist der erste in einer Serie von vier Newslettern. Geplante Schwerpunkte der Newsletter sind:

  • Familien mit Kindern und Teens zuhause
  • Jugendliche in Zeiten von Corona
  • Aktivitäten mit und für Grundschulkinder – Anregungen für Lehrkräfte und Eltern
  • Alltag mit Kindern unter 3 Jahren aktiv gestalten
     

In allen Newslettern haben wir uns mit den Fragen beschäftigt:

  • Was passiert in der aktuellen Situation aus Sicht der Hirnforschung?
  • Und was könnte demnach helfen mit den derzeitigen Einschränkungen besser umzugehen?
     

Die gute Nachricht ist: Unser Gehirn ist höchst anpassungsfähig und kann uns helfen, uns auf die veränderten Bedingungen einzulassen und gut mit ihnen umzugehen. Es ermöglicht eine schnelle Anpassung, wenn sich unsere Lebensumstände plötzlich und nur für kurze Zeit ändern. Wenn der Zustand länger andauert, sind echte Lernprozesse notwendig, damit wir uns trotz der Veränderungen wohlfühlen. Solches Lernen fällt den Menschen unterschiedlich schwer. Wer schon unter vielen verschiedenen Bedingungen gelebt hat, dem gelingt die Anpassung leichter. Ebenso denjenigen, die auf ein unterstützendes Umfeld zurückgreifen können und sei es per Telefon oder Video-Chat. Anderen fällt die Umstellung schwerer.
Kinder und auch Jugendliche lernen besonders schnell. Man sollte also annehmen, dass ihnen der Umgang mit der neuen Situation leichtfallen würde. Das stimmt so aber nicht. Kinder lernen nicht nur leichter als Erwachsene, sie brauchen auch bestimmte, je nach Alter unterschiedliche Anregungen und Bedingungen in ihrer Umgebung um sich gesund und altersgerecht zu entwickeln. Beispielsweise brauchen jüngere Kinder vielfältige Bewegungsmöglichkeiten, am besten im Freien und eine Umgebung, in der sie immer wieder Neues entdecken können. Jugendliche brauchen für Ihre Entwicklung dringend den Kontakt mit Gleichaltrigen und Freiräume, die nicht permanent von den Eltern überwacht werden.

Und gerade diese Möglichkeiten sind durch die derzeit geltenden Regelungen – so notwendig diese auch sind – eingeschränkt oder fallen oft sogar ganz weg. Was Eltern tun können, um einen Ausgleich zu schaffen und mit mehr Zufriedenheit aller Beteiligten auch mehr Ruhe und Harmonie ins Familienleben zu bringen, ist eine wichtige Frage.

Darum legen wir in diesem ersten Newsletter den Schwerpunkt auf die Situation von Familien mit Kindern.

Wir hoffen, dass unsere kleine „Sonderserie“ für Sie interessant ist. In Kürze wird unsere Homepage mit weiteren Beiträgen online gehen. Lassen Sie sich unter http://aktuell.znl-ulm.de überraschen!

Helfen Sie mit, die Inhalte zu verbreiten! Leiten Sie den Newsletter und den Link zu unserer Homepage an alle Personen weiter, für die die Inhalte möglicherweise hilfreich und nützlich sind.

Ab Juni berichten wir wieder in gewohnter Weise aus unserer Forschung.

Mit freundlichen Grüßen
Petra Arndt & Carmen Deffner

 

 

Die Familie mit Kindern oder Teenagern zuhause – unterschiedlichste Bedürfnisse unter einem Dach!
Dipl.-Päd. Carmen Deffner & Dr. Petra Arndt
, ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen, Universität Ulm

Besonders für Familien entsteht durch die Ausgangsbeschränkungen eine äußerst anspruchsvolle Situation. Es gilt die unterschiedlichsten Bedürfnisse aller Familienmitglieder unter einen Hut zu bekommen – ja, sprichwörtlich unter einem Dach zu vereinen. Fehlen Ausweichmöglichkeiten, wie z.B. ein Garten, ein Hobbyraum im Keller oder ein Gästezimmer, das zum Homeoffice oder Rückzugsraum umfunktioniert werden kann, droht die Gefahr, dass das Miteinander zunehmend unter Anspannung gerät. Die Situation erfordert von allen Beteiligten Verständnis, Rücksichtnahme und Geduld.

Während es Kleinkindern noch in wenigen Situationen gelingt abzuwarten oder zu verstehen, dass sie jetzt nicht so laut herumrennen dürfen, weil Mama im Homeoffice ein Telefonat führen muss, können Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter schon mal 10 Minuten abwarten, ehe sie ein Bedürfnis befriedigen können (Mischel, 2016) oder auch Rücksicht nehmen in einer Situation, in der leise sein oder abwarten gefordert ist. Bei Teenagern ist Rücksichtnahme noch einmal ein anderes Thema. Kurz abwarten – kein Problem. Aber (gefühlt) dauernd zurückstecken und „nichts zu dürfen“ – das passt nicht zum wachsenden Freiheitsdrang der Jugendlichen und löst schnell erheblichen Widerstand aus.

Die Fähigkeit abwarten, Bedürfnisse aufschieben zu können oder auch über längere Zeit auf Freiheiten zu verzichten – für all dieses muss man in der Lage sein sowohl sein Verhalten als auch seine Emotionen gut zu regulieren. Basis für diese Regulationsfähigkeit sind die sogenannten exekutiven Funktionen (z.B. Mischel 2016, Mischel et al. 1989). Sie sind gewissermaßen die Steuerzentrale unseres Handelns. Das Gebiet im Gehirn, in dem diese Funktionen lokalisiert sind, liegt im vorderen Hirnbereich direkt hinter der Stirn, weswegen sie auch Frontalhirnfunktionen oder Stirnhirnfunktionen genannt werden.

Gerade in der aktuellen Situation sind die Fähigkeiten, für die gute exekutive Funktionen Voraussetzung sind, besonders wichtig. Allerdings entwickeln sich die exekutiven Funktionen recht langsam über die gesamte Kindheit und Jugend hinweg und benötigen viel Zeit bis im jungen Erwachsenenalter dann die Entwicklung abgeschlossen ist.

Ein ganz wesentlicher Entwicklungsspurt findet im Kindergartenalter statt. Hier merkt man im Verhalten der Kinder ganz deutlich, dass sich was verändert. Sie können schon mal abwarten, in ungeplanten Situationen passen sie ihr Verhalten durchaus an und müssen nicht mehr untröstlich in Tränen ausbrechen, wenn ihr Kuscheltier zum Spaziergang gerade nicht aufzufinden ist.  Das Kind lässt sich durchaus – und in Abhängigkeit seiner Tagesfassung – darauf ein, dass heute eben ein anders Plüschtier mitdarf. In der Grundschul- und Jugendzeit entwickeln sich die exekutiven Funktionen beständig weiter. Allerdings bringt die Pubertät mit sich, dass die exekutiven Funktionen nicht immer so verlässlich das Verhalten steuern, wie man es angesichts des Alters erwarten sollte. Besonders die Fähigkeit zur Aufmerksamkeitssteuerung und Impulskontrolle ist häufig beeinträchtigt. Hier spielen die mit der Pubertät verbundenen neuronalen Entwicklungs- und Umstrukturierungsprozesse im Stirnhirn eine Rolle, aber auch starke, hormonell bedingte und nur schwer kontrollierbare Impulse und Bedürfnisse, die ihren Ursprung in anderen Hirngebieten haben.

Die Impulskontrolle oder Inhibition ist eine der drei Komponenten der exekutiven Funktionen. Die weiteren sind das Arbeitsgedächtnis und die kognitive Flexibilität. Arbeiten die drei Komponenten gut zusammen, ist selbstreguliertes, zielgerichtetes und soziales Verhalten das Resultat (Miyake et al., 2000).

Die Inhibition ist die Fähigkeit erste spontane und vielleicht unerwünschte Handlungsimpulse zu hemmen. Wie ein inneres Stoppschild ermöglicht sie erst nachzudenken und dann zu handeln. Diese Hemmkraft wirkt auf emotionaler wie kognitiver Ebene. Gefühle regulieren, Frust aushalten, aber auch störende und ablenkende Reize auszublenden, um Fokussierung und Konzentration aufrecht zu erhalten. Einige Beispiele:

  • Sie müssen sich auf Ihre Büroarbeit konzentrieren, obwohl Ihre Tochter neben Ihnen munter ihre Puppe wickelt
  • Auf dem Tisch steht Papas Laptop mit vielen interessanten Tasten. Fasziniert krabbelt Ihre Tochter darauf los... Stopp! Sie muss den Drang auf den Laptop zu tappen unterdrücken.
  • Ihre Kinder haben einen großen Bewegungsdrang, Sie können aber noch nicht mit ihnen rausgehen, um einmal ums Haus zu rennen. Die Kinder müssen jetzt warten.
  • Homeoffice, Kita- und Krabbelkind zuhause, Haushalt und Kochen alles zur gleichen Zeit. Das wird einem schon mal zu viel! Am liebsten würden Sie losbrüllen. Sie inhibieren dieses Bedürfnis aber und atmen stattdessen dreimal tief durch.
     

Mit Hilfe des Arbeitsgedächtnisses ist es möglich mehrere Elemente aktiv im Geist aufrecht zu erhalten, zum Beispiel eine Telefonnummer, eine Wegbeschreibung oder eine Einkaufsliste (mit ca. sieben Elementen bei Erwachsenen). Das Planen von Handlungen und das Entwickeln von Strategien, um eine Herausforderung zu bewältigen, gehört ebenso zu den Leistungen des Arbeitsgedächtnisses, wie zum Beispiel Kopfrechnen, Regeln beim Spielen im Kopf behalten, etc. Die aktuelle Situation zum Beispiel erfordert neue Regeln, an die man sich halten muss und für die man das Arbeitsgedächtnis braucht:

  • extra langes und gründliches Händewaschen, wenn man von draußen reinkommt (Eine neue Familienregel, die für alle und sehr konsequent gelten muss!)
  • sich nicht ins Gesicht fassen, auch wenn es juckt! (etwas, was auch uns Erwachsenen schwer fällt)
  • aber auch: sich daran erinnern können, wie Oma oder Opa aussehen, wenn man mit ihnen am Telefon spricht und sie nicht sehen kann.
     

Die dritte Fähigkeit, die kognitive Flexibilität ermöglicht flexibles Reagieren, besonders in unvorhergesehenen Situationen. Wenn etwas nicht nach Plan läuft, muss schnell umgedacht und ein neuer Weg gefunden werden.

  • Dienstag ist immer Kinderturnen, da freut sich Ihr Sohn die ganze Woche darauf. Er versteht noch nicht warum er momentan nicht hindarf. Flexibel lässt er sich auf das alternative Spielangebot ein, dass Sie sich für ihn im Wohnzimmer ausgedacht haben.
  • Als Eltern arbeiten Sie jetzt zuhause. Ihr Schlafzimmer ist zum Büro umfunktioniert. Sie wechseln sich mit der Betreuung ihrer Kinder, dem Kochen, Haushalt und den Stunden am Schreibtisch ab. Beide Elternteile müssen hoch flexibel sein, um das zu meistern.
  • Ihr Teenager hat sich in der Vergangenheit viele Freiheiten erarbeitet – sich mittags selbstständig sein Essen machen, alleine zum Sport und auf dem Weg bei Freunden reinschauen so wie er es sich eben einteilte - jetzt steigt die Kontrolle wieder verbunden mit der 24-Stunden Präsenz aller Familienmitglieder – das nervt! Umstellen leicht gemacht? Eine echte Herausforderung!
     

ZNL Exekutive Funktionen

Abb.: Exekutive Funktionen und ihre Funktionen (© Baden-Württemberg Stiftung)

 

In der aktuellen Situation sind die exekutiven Funktionen bei allen Familienmitgliedern aufs Äußerste gefordert! Umso wichtiger, dass Eltern diese gut im Blick haben - bei sich selbst und bei ihren Kindern.

Das bedeutet zum einen, anzuerkennen, dass besonders kleine Kinder aber auch Teenager nicht zuverlässig auf gut funktionierende exekutive Funktionen zurückgreifen können. Hier sind Unterstützung, Verständnis und wenige aber klare Regeln hilfreich.
Zum anderen ist aber auch bei älteren Kindern und Erwachsenen die Anforderung hoch. Exekutive Funktionen ermüden ähnlich wie Muskeln bei langandauernder oder ungewohnter Beanspruchung. Nötig sind Pausen und Entspannung um sich und die Familie nicht zu überfordern.
 
Wie können Sie die exekutiven Funktionen und damit die Selbstregulationsfähigkeit in der aktuellen Zeit zuhause unterstützen?
Da im Moment vieles „nicht geht“, hilft es nur (kognitiv flexibel) umzudenken und den Fokus darauf zu richten „was geht“, denn ein „Mach-das-statt-dem“ fällt uns einfach leichter, als ein alleiniges „Mach-(bloß)-nicht“. Gerade Jugendliche profitieren, wenn nicht die (schwächelnde) Inhibitionsfähigkeit gefordert ist, sondern kognitive Flexibilität genutzt wird.
Wenn wir also nicht auf den Spielplatz dürfen – was machen wir stattdessen? Wenn die Kinder nicht ihren gewohnten Alltag mit Kita, Besuch bei Oma etc. haben – was machen wir stattdessen? Wenn das Treffen und Feiern mit den Freunden ausfällt – was ist dann möglich?

Im Folgenden ein paar erste Tipps:

Schaffen Sie Strukturen!
Für Kinder:
Regeln, klare Abläufe und Rituale sorgen für Struktur und Klarheit. Sie kennen das: Am Wochenende würden Sie gerne ausschlafen und einmal alles ganz locker angehen, doch es sind die Kinder, die so pünktlich wie immer an ihrem Bett stehen und sich freuen, dass der Tag gerade heute schon ein bisschen früher beginnt. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Kinder die Regelmäßigkeit schätzen und auch einfordern. Da momentan sowohl der strukturierte „Zuhause-Kita-Alltag“ als auch der Rahmen, den das soziale Leben durch Einbindung in Arbeitsstelle, Kita, Besuche, Veranstaltungen usw. bietet, wegfällt, müssen Sie als Eltern für Ersatzstrukturen sorgen, damit Ihre Kinder wissen was sie am Tag erwartet. Nicht nur die Kinder profitieren davon, wenn sie nachvollziehen können, wie jetzt der Alltag zuhause abläuft – auch Sie! Es entlastet die Selbstregulationsfähigkeit des Kindes und der Eltern und schafft damit Kapazität für die weiteren Anforderungen des Tages.
Für Teenager:
Auch hier sind Strukturen wichtig. Aber Ihre „Großen“ sollten mitbestimmen. Endlich kann man mal den Tagesablauf so planen, wie man möchte. Langes Ausschlafen – kein Problem. Man verpasst ohnehin nicht viel und will/muss in der Regel auch nirgendwo hin. Verdeutlichen Sie ihren Kindern diese positiven Aspekte der aktuellen Lage. Wichtig aber: Es gibt eine Zeit zum Aufstehen. Auch andere Aktivitäten (geliebte und ungeliebte, die Arbeitsblätter aus der Schule ebenso wie das „Endlos-Telefonat“ der Tochter mit der besten Freundin) sollten ihren festen Platz im Tageablauf haben. Gewähren Sie Freiheiten, soweit sie mit dem Zusammenleben in der Familie und der Gesundheit der Teens vereinbar sind. (Versuchen Sie nicht ausgerechnet jetzt, in einer Zeit, in der ohnehin alle unter Spannung stehen, neue Anforderungen zu stellen und in der Erziehung nachzuholen, was bisher nicht gelungen ist. Merken Sie sich das lieber für später vor.)

  • Jeder Tag hat in etwa einheitliche und (damit) wieder erkennbare Abläufe
  • Gemeinsame Zeiten pflegen, zum Beispiel beim Essen und Kochen in bestimmten Zeitfenstern.
  • Auch für Teenager ist es wichtig gemeinsame Zeiten zu pflegen, zum Beispiel beim Essen und Kochen und beim gemeinschaftlichen Aufräumen. Welches ist das Lieblingsessen Ihrer Tochter? Wäre doch schön, wenn sie dieses für die ganze Familie kocht ... Wenn das Mittagessen der Familie das Frühstück des Teenagers ist, darf auch das sein.
  • Malen Sie mit jüngeren Kindern den Tagesablauf auf – das hilft ihnen sich damit auseinanderzusetzen. Jede Etappe des Tags hat dann ein eigenes Bildchen. Untereinander geheftet machen sie den Ablauf des Tages sichtbar (und beantwortet die brennenden Kinderfragen nach „Was kommt jetzt“ oder „was machen wir dann“ usw.). Mit einer Wäscheklammer kann dann noch markiert werden, wo sie sich gerade im Tagesverlauf befinden.
  • Stimmen Sie sich mit den Großen ab: Passt das so für alle? Wo wird es für einzelne und das Miteinander schwierig?
     

Und wenn es mal nicht so klappt.... nehmen Sie es mit Humor!

Weitere Tipps zum Thema „Strukturen schaffen“  finden Sie im Newsletter Nr. 1 „Familienzeit gesund gestalten – Elterninfos in der Corona-Krise“ vom Präventionsprogramm ECHT DABEI und GAIMH! (Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit)“.

Schaffen Sie Bewegungsanlässe für sich und die Kinder
Bewegung draußen, an der frischen Luft ist durch nichts zu ersetzen. Auch das Kinderturnen, der Mannschaftssport im Verein oder das freie Kicken mit Freunden auf dem Bolzplatz bietet mehr als Bewegung. Aber Bewegung tut gut und ist enorm wichtig für die kindliche Entwicklung. Darum müssen während der Ausgangsbeschränkungen alternative Möglichkeiten gefunden werden, z.B.:

  • gemeinsame Sportpausen mit Socken Fußball, Hampelmann, Purzelbaum, über die Körperlängsseite rollen etc. Verbinden sie diese Übungen mit Herausforderungen (wer kann hüpfen wie ein Frosch und mit wie vielen Sprüngen ist er an der Haustür!)
  • Reaktivieren Sie die Spiele Ihrer Kindheit. Eierlauf mit hart gekochten Ostereiern, Ich sehe was, was du nicht siehst!, Versteck-Spiele, der Fuchs geht um.
  • Bereiten Sie diese und auch andere Bewegungsspiele für draußen bzw. den Spaziergang vor, z.B. Rückwärtslaufen, Springspiele, Zielwerfen (mit Steinchen oder Stöckchen auf ein Ziel, etwa einen größeren Stein oder nahe an einen mit Kreide auf den Boden gemalten Punkt werfen).
  • Wenn Sie die Möglichkeit haben, schmücken Sie einen Osterbaum oder Osterstrauch mitten im Wald,  den Sie jetzt in den Osterferien jeden Tag „besuchen“. Auch andere Spaziergänger freuen sich daran. (Nach Ostern natürlich wieder aufräumen.)
  • Online-Portale mit kindergerechten und kinderleichten Sport- und Bewegungsideen können Ihnen als Eltern Anregungen bieten.
  • Es gibt Portale, die sich direkt an Kinder richten. Bedenken Sie bei der Nutzung bitte, dass Kinder im Netz auf jeden Fall Begleitung brauchen, auch wenn es um Bewegung geht. Sie als Eltern sollten die Angebote  zuvor prüfen und am besten immer mit ihrem Kind mitmachen. Dann sehen Sei auch schnell, ob das Angebot für Ihr Kind passt, ob es für das Kind verständlich ist und in Ihrer persönlichen Wohnsituation überhaupt umgesetzt werden kann. Einige Angebote enthalten Werbung, andere „verpacken“ die Bewegung in Geschichten, die dazu verleiten, einfach nur zuzusehen oder haben viele Bildwechseln und können für Kinder anstrengend und Stress erzeugend wirken. Dann ist genau das Gegenteil von dem passiert, was Sie erreichen möchten. Je älter das Kind ist, umso eher sind auch solche Angebote in der aktuellen Situation eine vorübergehende Ausweichmöglichkeit.
  • Weitere Spiele, ohne aufwendigen Materialbedarf finden Sie in Kürze auf unserer Homepage unter: http://aktuell.znl-ulm.de 
     

Und vor allem: Machen Sie mit Ihren Kindern mit! Und sorgen sie dafür, dass auch Sie einmal am Tag (so lange das erlaubt ist) an die Luft kommen!

Beziehen Sie die Kinder in den Alltag mit ein!
Schon die Kleinsten möchten gerne helfen und sich als wichtiges Mitglied einer funktionierenden Gemeinschaft erleben. Im Alltag zuhause gibt es sehr viele kleine Tätigkeiten, in welche die Kinder einbezogen werden können.

  • Socken falten kann auch schon das 1,5 Jährige und die Wäscheklammern wieder einsammeln liebt es! Seien Sie gespannt, welches Spiel darüber hinaus entstehen kann!
  • Lassen Sie die Kinder das Obst für den Obstteller schnippeln oder die hart gekochten Eier für das Abendessen pellen. Es ist nicht schlimm, wenn alles schief und krumm ist, den Kindern wird es köstlich schmecken! Denn sie haben etwas Wichtiges zum gemeinsamen Mahl beigetragen.
  • Geschirr oder Besteckkasten ausräumen oder Abtrocknen (ggf. nicht das liebste Porzellan, aber die bunten Plastikschüsseln). Halbieren Sie evtl. ein Geschirrtuch, so dass es für die kleinen Kinderhände handlicher wird.
  • Säen Sie mit den Kindern Kresse an und zelebrieren Sie die Pflege. Mit einem kleinen Kännchen können auch die übrigen Blumen in der Wohnung gegossen werden. Füllen Sie nur soviel Wasser in das Kännchen (ein Messbecher geht auch) ein, wie die Pflanze jeweils verträgt, dann müssen Sie nicht um Überwässerung bangen.
     

Auch Jugendliche möchten Mitglied der Gemeinschaft sein. Allerdings richten sie sich altersentsprechend eher nach außen. Möglichkeiten für Teens (soweit sie nicht selbst unter Quarantäne stehen) sind z.B.:

  • Nachbarschaftshilfe anbieten (wie das vielfach schon geschieht)
  • Kontakt zu Hilfsorganisationen wie Caritas, Tafelläden usw. aufnehmen
  • Sportübungen und Spiele für jüngere Geschwister erfinden
  • Nachhilfe geben oder Vorlesen, auch z.B. die Tageszeitung dem älteren Nachbarn (auch am Telefon)
  • Einen Müllsack und Gummi-/Einweghandschuhe mitnehmen und einen Spaziergang mit Müllentsorgung in Wald oder Park verbinden
     

Wägen Sie ab, welche Aufgabe für welches Ihrer Kinder angemessen ist.

Schaffen Sie einen Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung
Sich selbstregulieren können geht nicht 24 Stunden am Tag! Besonders bei Kindern sind die Intervalle teilweise recht kurz. Sie können sich beim Mittagessen 10 Minuten regulieren und still sitzen, brauchen dann aber wieder eine Phase der Bewegung.
Achten Sie deswegen auf Ausgleich und den Wechsel von Anspannungen und Entspannung.
Spiele wie Memory, Mensch-ärgere dich nicht, Obstgarten u.ä. fordern die Kinder in ihrem Arbeitsgedächtnis und besonders in ihrer Inhibition (abwarten bis man dran ist, Verlieren können etc.), so kann es sein, dass Sie zum Ausgleich ein Spiel spielen, das Kind aber hinterher in seiner Selbstregulation erschöpft ist. Es braucht dann Ruhe und möchte ggf. für sich in seinem Zimmer spielen.

Schaffen Sie Ruhephasen für sich und Ihre Kinder!
Gerade, weil die exekutiven Funktionen sich, gleichsam einem Muskel, erschöpfen braucht es Zeit zum „Auftanken“. Schaffen Sie Ruhepausen –  ohne Smartphone oder TV, denn dafür braucht es häufig Konzentration.

  • Setzen Sie sich mit einer Tasse Kaffee oder Tee an einen sonnigen Platz
  • Legen Sie ruhige Musik ein, zum Träumen und Kuscheln
  • Beobachten Sie die Wolken am Himmel und philosophieren Sie mit Ihren Kindern, welche Tiere oder Wesen es sein könnten.
  • Machen Sie eine Schmökerpause – jeder mit seinem Lieblingsbuch
     

Sorgen Sie gut für sich selbst!
Bedenken Sie, dass besonders in der aktuellen Zeit Ihre Kinder auf Ihr Wohlbefinden angewiesen sind! Geht es ihren Eltern gut, geht es auch den Kindern selbst gut.
Da die exekutiven Funktionen der Kinder im Kleinstkind- und Kindergartenalter erst sehr gering ausgebildet sind, benötigen sie Ihre Hilfe. Sie als Eltern besitzen das reifere Gehirn und verfügen über Strategien zur Selbstregulation. Unterstützen Sie ihre Kinder indem Sie dafür sorgen, dass sie sich regulieren können, besonders durch eine strukturierte Tagesgestaltung.
Auch Teenager brauchen Hilfe in Sachen Selbstregulation – selbst wenn sie diese nur schwer annehmen können. Hier hilft Verständnis, den anderen ernst nehmen und Kompromisse finden. Nehmen Sie es sportlich und beweisen Sie, dass Sie die stärkeren Nerven und die besseren exekutiven Funktionen haben.


Weitere Ideen und Infos finden Sie in Kürze auf unserer Homepage: http://aktuell.znl-ulm.de 




Mischel, W. (2016): Der Marshmallow Effekt. Wie Willensstärke unsere Persönlichkeit prägt. Verlagsgruppe Random House, München

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Miyake, A., Friedman, N. P., Emerson, M. J., Witzki, A. H., Howerter, A., & Wager, T. D. (2000). The unity and diversity of executive functions and their contributions to complex “frontal lobe” tasks: A latent variable analysis. Cognitive psychology, 41(1), 49-100.